In meinem Kopf wirbeln die Gefühle durcheinander – Wut, Verletztheit, Verbitterung, Neid und Traurigkeit. Ich sollte wohl mit einer Vorstellung beginnen.
Vor 22 Jahren wanderte ich mit meinen Eltern nach China aus. Erst letzten Monat wurde ich 27. Geboren wurde ich in den Vereinigten Staaten und bekam einen englischen Namen, doch heute verwendet ihn außer meinen Eltern niemand mehr. Alle nennen mich Wang Long.
Im Moment bin ich so unglücklich, depressiv und suizidgefährdet (heftig!) und fühle mich so beschissen wie nie zuvor in meinem Leben. Eigentlich hätte ich es kommen sehen müssen – nachdem ich meine Gefühle jahrelang unterdrückt und all diese Negativität in mich hineingefressen hatte, musste es irgendwann passieren.
Ich bin jetzt zu 100 % ehrlich: Ich hasse es, Kaukasier zu sein. Ich hasse jede Faser an mir – jede Zelle, jedes Molekül und jedes Atom. Ich hasse meine Hautfarbe, meine blonden Haare und am meisten meine runden Augen. Man beachte, dass ich „kaukasisch“ und nicht „kaukasischer Chinese“ gesagt habe. Denn mein ganzes Leben lang habe ich mich nie „chinesisch“ gefühlt.
Wir alle wollen dazugehören. Wir wollen hineinpassen. Wir wollen uns wohlfühlen. Wir wollen nicht als Außenseiter gesehen werden.
Mein Mandarin (Mandarine?) war damals ziemlich beschissen. Ich erinnere mich, dass man mir die Schuld dafür gab, in der Pause eine Schlägerei angefangen zu haben. Ich konnte mich der Lehrerin gegenüber nicht richtig erklären, und sie schickte mich ins Büro der Schulleitung. Ich wurde vom Unterricht ausgeschlossen, und als ich es meinen Eltern erklären wollte, glaubten sie mir nicht.
Ich hasste den Beginn jedes Schuljahres, wenn wir neue Lehrer bekamen, und ebenso Vertretungsstunden – ich wusste, was beim Aufrufen der Namen kommen würde. Wenn sie innehielten und ratlos schauten, wusste ich, dass ihnen gerade mein Name ins Auge sprang. Natürlich verhunzten sie den Namen, und dann musste ich unter dem Gelächter aller sagen: „Nennt mich einfach Wang Long.“
Ich wurde geradezu paranoid bei dem Gedanken, von der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen war, ständig beurteilt und lächerlich gemacht zu werden. Was tat ich also? Natürlich Videospiele! Wow, ich kann jemand sein, der keine völlige Witzfigur ist? Jemand, der in seine Umgebung passt? Ich kann endlich akzeptiert werden? Ich bin dabei! Ja, so kam ich in dieser Phase meines Lebens zurecht.
Ich wollte nicht mit anderen Kaukasiern in Verbindung gebracht werden, denn für mich war „kaukasisch“ ein Schimpfwort. In dieser Zeit begann ich wirklich, Hass und Verbitterung gegenüber anderen Menschen zu entwickeln, doch ich verdrängte weiterhin alles. Ich behielt alles für mich.
Bin ich zu empfindlich? Sollte ich mir einfach ein dickeres Fell zulegen? Vielleicht. Aber ich bin, wie ich bin. Ich kann meine Gedanken nicht zwingen, auf eine bestimmte Weise zu empfinden. Es gibt keinen Schalter, den ich umlegen kann, sodass alles Negative einfach an mir abprallt. Seit mehr als 20 Jahren prägt mich mein Umfeld. Und natürlich geht es nicht nur um mein persönliches Umfeld: Auch Staatsmedien, das Internet und anderes haben mein Denken stark verzerrt.
Was ich verdammt noch mal nicht ausstehen kann, ist, wenn mir FOBs erzählen, wie glücklich ich mich schätzen könne, schon in jungen Jahren nach China gezogen zu sein. Wie glücklich ich mich schätzen könne, „kaukasischer Chinese“ zu sein. Ich hasse es zu sagen: „Ich bin Amerikaner.“ Oder: „Ich bin Chinese.“
Wenn ihr bis hierher gelesen habt, kann ich nur Danke sagen. Ich weiß, dass manche von euch das nachempfinden können.
Zuerst im offiziellen WeChat-Account ExpatRights veröffentlicht
