Sunita Tamang sagte, ihre Mutter habe sich Sorgen um ihre Heiratsaussichten gemacht.
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Mit dem geringen Einkommen aus der Landwirtschaft hatte die 22-Jährige aus Lamjung kaum Spielraum, über eine Heirat nachzudenken. Dann lernte sie Bharat Tamang aus derselben Stadt kennen. Er erzählte ihr von China: gut bezahlten Arbeitsplätzen, hervorragender Infrastruktur und einem roten Pass, den auch sie erhalten könne, wenn sie einen chinesischen Staatsangehörigen heirate.
„Zunächst war ich nicht überzeugt, aber er blieb hartnäckig. Ich begann zu glauben, dass es nicht nur mir, sondern auch meiner Mutter helfen könnte“, erinnerte sich Sunita an das Gespräch mit Bharat, der ihre Ehe mit einem chinesischen Mann arrangieren wollte, dem sie nie begegnet war. „Ich hatte hier keine richtige Arbeit, also stimmte ich zu.“
Bharat brachte Sunita zu einer Frau, die ihr einredete, dies sei eine gute Chance. Die Frau nahm sie anschließend mit nach Kathmandu, wo sie im Haus einer Familie in Tokha wohnten. Dort lernte Sunita Rina Tamang kennen, die fließend Mandarin sprach. In den folgenden zehn Tagen zeigte Rina ihr in den sozialen Medien Fotos des möglichen Bräutigams.
„Sie arrangierte ein Treffen mit dem Mann, der aus China zum Heiraten gekommen war“, sagte Sunita. „Wir drei trafen uns in der BG Mall in Gongabu. Nach einem Gespräch mit ihm sagte Rina mir, ich solle alle für die Eheschließung erforderlichen Unterlagen besorgen.“
Sunita hatte mit dem Mann, Qin Liyang aus Hubei, nie wirklich gesprochen. Aufgrund der Erzählungen der anderen willigte sie dennoch in die Heirat ein. Nachdem alle erforderlichen Unterlagen fertig waren, erhielt sie ein Ticket für den 28. August und sollte um 16 Uhr über Guangzhou nach Wuhan in der Provinz Hubei fliegen. Im letzten Moment bekam sie jedoch Angst.
„Ich hatte Angst, mit jemandem, den ich nicht einmal kannte, in ein fremdes Land zu reisen“, sagte sie. Sie schaltete ihr Telefon aus, bestieg das Flugzeug nicht und kehrte nach Lamjung zurück.
Sunita entging nur knapp einer neueren Methode nepalesischer Menschenhändler: Sie locken überwiegend Frauen aus ländlichen Regionen mit einer Heirat mit chinesischen Männern nach China. Dort werden die Frauen nach Angaben der nepalesischen Behörde zur Bekämpfung des Menschenhandels im Rahmen des sogenannten „Brautkaufs“ an andere chinesische Männer verkauft.
Am 31. August nahm die nepalesische Polizei am Tribhuvan International Airport zehn Personen wegen des Verdachts auf Menschenhandel fest. Darunter waren Bharat Tamang, Rina Tamang, Amrita Gurung und Parbati Gurung, die alle daran beteiligt gewesen sein sollen, Sunita zur Heirat mit einem chinesischen Mann zu bewegen. Ebenfalls festgenommen wurden vier chinesische Staatsangehörige und zwei nepalesische Frauen, die sie als Ehefrauen mitnehmen wollten.
„Unsere Ermittlungen führten zur Rettung von fünf Frauen – zwei aus Lamjung und je einer aus Sunsari, Chitwan und Kaski“, sagte der stellvertretende Polizeipräsident Sudheer Raj Shahi von der Behörde zur Bekämpfung des Menschenhandels.
Es war der erste Fall von „Brautkauf“ seit 2015. Damals hatte die Polizei sechs Frauen aus ähnlichen Situationen gerettet; fünf sollten nach Südkorea und eine nach China gebracht werden. Diesmal waren alle Frauen auf dem Weg nach Hubei, einer Binnenprovinz in Zentralchina.
„In ihrem Haus in Tokha schulte Parbati die jungen Frauen darin, für chinesische Männer die perfekte Braut zu werden. Rina fungierte als Vermittlerin, weil sie Nepali und Mandarin sprach“, sagte Shahi.
Chinesische Männer zahlten für die Heirat nepalesischer Frauen rund 1,5 Millionen Rupien, sagte Ishwar Babu Karki, leitender Superintendent der Behörde zur Bekämpfung des Menschenhandels. Potenzielle Bräute erhielten außerdem großzügige Geschenke im Wert von bis zu 60.000 Rupien. Das helfe, die jungen Frauen und ihre Familien von einem vermeintlich besseren Leben in China zu überzeugen.
„Vermittler können Familien davon überzeugen, dass ihre Töchter in China ein luxuriöses Leben führen werden. Ich war überrascht zu erfahren, dass eine Familie bereits ihre jüngere Tochter geschickt hatte und gerade auch die ältere schicken wollte“, sagte Karki.
Chinas inzwischen aufgehobene Ein-Kind-Politik führte zu einem stark unausgewogenen Geschlechterverhältnis mit mehr Männern als Frauen. 2015 kamen bei Geburten 113,5 Jungen auf 100 Mädchen. Dieses Ungleichgewicht erschwert vielen chinesischen Männern die Suche nach einer Ehefrau und hat die Nachfrage nach aus dem Ausland verschleppten Frauen angeheizt. Nach ihrer Ankunft auf dem chinesischen Festland werden die Frauen an andere Männer weiterverkauft, die eine Ehefrau suchen.
„Früher wurden die meisten Frauen aus Kambodscha und Vietnam nach China verschleppt, doch dort wurden die Vorschriften inzwischen verschärft. Deshalb nehmen Menschenhändler nun Länder wie Nepal, Pakistan und Indien ins Visier“, sagte Karki.
Nach Angaben von Anjana Shakya, Vorsitzende der Alliance Against Trafficking of Women and Children, kann auch der Fall als Menschenhandel gelten, dass eine Person zu einem bestimmten Zweck ins Ausland gebracht, dort aber für einen anderen Zweck „benutzt“ wird.
„Auch wenn chinesische Staatsangehörige nepalesische Frauen unter Einhaltung aller formalen Verfahren mitnehmen, besteht für diese Frauen ein hohes Risiko, sexuell versklavt oder als unbezahlte Arbeitskräfte ausgebeutet zu werden“, sagte Shakya.
