
29. Juli
Wohlhabende alleinstehende Chinesinnen wählen weiße Samenspender für ihre Kinder
Beim Durchsehen zahlreicher Kinderfotos fiel Xiaogunzhu das Bild eines französisch-irischen Jungen mit lächelnden dunkelblauen Augen auf. Sie betrachtete jedoch nicht das Familienalbum eines Partners, sondern einen Katalog möglicher Samenspender. Die 39-Jährige gehört zu einer wachsenden Zahl wohlhabender alleinstehender Frauen in China, die ein Kind möchten, aber keinen Ehemann.
Unverheiratete Frauen in China sind vom Zugang zu Samenbanken und In-vitro-Fertilisation (IVF) weitgehend ausgeschlossen und müssen deshalb nach Möglichkeiten im Ausland suchen.

Bild: Shutterstock

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Nachdem ihre Wahl auf Spender Nr. 14471 auf der Website einer kalifornischen Samenbank gefallen war, flog Xiaogunzhu für die ersten Behandlungsrunden in die Vereinigten Staaten.
„Es gibt viele Frauen, die nicht heiraten werden und deshalb diese grundlegende biologische Aufgabe möglicherweise nicht erfüllen“, sagte Xiaogunzhu unter ihrem Bloggernamen, den sie verwendet, um negative Aufmerksamkeit zu vermeiden. „Aber ich hatte das Gefühl, dass sich ein anderer Weg eröffnet hatte.“

Bild: SCMP
Ihr inzwischen neun Monate altes Baby heißt Oscar – nach einer Figur aus einem Comic über die Französische Revolution und als Anspielung auf die französische Herkunft des Spenders.
Die Heiratsrate in China ist in den vergangenen fünf Jahren gesunken. Laut offiziellen Statistiken heirateten im Vorjahr nur 7,2 von 1.000 Menschen. Gebildete berufstätige Frauen würden bei der Partnersuche diskriminiert, erklärte die Soziologin Sandy To, weil ihre männlichen Partner „Schwierigkeiten haben, ihre höheren Bildungsabschlüsse oder wirtschaftlichen Erfolge zu akzeptieren“.
Viele sind der Ansicht, dass Schwierigkeiten bei der Partnersuche oder der Wunsch, keinen Partner zu haben, sie nicht von der Mutterschaft ausschließen sollten.
Xiaogunzhu hält einen Vater nicht für notwendig. Ihr eigener Vater sei kontrollierend und häufig wütend gewesen, was ihr Bild der traditionellen Familie beeinträchtigt habe. „Warum glauben alle, dass Kinder fragen werden: ‚Warum habe ich keinen Vater?‘“, sagte sie.
Analysten prognostizieren, dass der chinesische Gesamtmarkt für Kinderwunschleistungen im Jahr 2022 einen Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar erreichen wird – mehr als doppelt so viel wie 2016. Auch die Nachfrage chinesischer Staatsangehöriger nach Leistungen im Ausland wächst stark.
Die dänische Samen- und Eizellbank Cryos International hat eine chinesische Website eingerichtet und chinesischsprachiges Personal eingestellt. Amerikanische und europäische Samenbanken berichten von einer wachsenden Zahl chinesischer Kundinnen. Der Weg ist jedoch weder billig noch einfach.
Chinas nationale Gesundheitsbehörde schreibt vor, dass Samenbanken der „Behandlung von Unfruchtbarkeit und der Vorbeugung genetischer Erkrankungen“ dienen. In der Praxis schließt dies unverheiratete Frauen von der Nutzung aus.
„Wir möchten diesen alleinstehenden Frauen helfen, sind aber leider tatsächlich eingeschränkt“, sagte Liu Jiaen, Leiter eines Kinderwunschkrankenhauses in Peking. Liu bezeichnete die Beschränkung als „bedauerlich“.
Die Zeugung eines Kindes mithilfe einer ausländischen Samenbank kostet ab 200.000 Yuan (28.500 US-Dollar). Frauen müssen für die medizinischen Eingriffe mehrfach ins Ausland reisen, da chinesisches Recht die Einfuhr menschlichen Spermas verbietet. Zudem erleben sie Diskriminierung, denn in der chinesischen Kultur gilt die Ehe noch immer als Voraussetzung für ein Kind.
„Wenn Samenbanken und verwandte Technologien wie das Einfrieren von Eizellen alleinstehenden Frauen offenstehen, ist das eine Möglichkeit, die eigene Fortpflanzungsfähigkeit zu sichern“, sagte „Alan“ Zhang, eine 28-jährige Aktivistin für reproduktive Rechte in Peking.
Zhang hat mehr als 60 Briefe an Abgeordnete des chinesischen Parlamentsgremiums geschrieben und sie aufgefordert, die Beschränkung aufzuheben. Dies ist Teil ihrer Arbeit bei Diversity Family, der von ihr mitgegründeten Nichtregierungsorganisation für nicht traditionelle Familienformen. „Der Staat tut es nicht, also können die Menschen nur ihren eigenen Weg finden“, sagte Zhang.

Chinas nationale Gesundheitsbehörde schreibt vor, dass Samenbanken der „Behandlung von Unfruchtbarkeit und der Vorbeugung genetischer Erkrankungen“ dienen. Unverheiratete Frauen dürfen sie nicht nutzen. Foto: Noel Celis/AFP
In China müssen Samenspender anonym bleiben. Internationale Samenbanken stellen Frauen dagegen Angaben wie Haarfarbe, Kinderfotos und ethnischen Hintergrund zur Verfügung.
„Wenn man sich für einen Samenspender entscheidet, ist Sperma im Grunde eine Ware“, sagte Carrie, eine 35-jährige alleinstehende Mutter im Südwesten Chinas, die ebenfalls anonym bleiben wollte. Internationale Samenbanken seien ausgereifter als chinesische und „in der Lage, die Nachfrage der Verbraucherinnen zu erfüllen“.
Peter Reeslev, Geschäftsführer von Cryos International, sagte, angesichts der größeren Auswahl „neigen chinesische Frauen dazu, weiße Spender zu wählen“. Ein möglicher Grund sei, dass Samenbanken außerhalb Chinas weniger chinesische Spender hätten: Bei Cryos bezeichneten sich nur neun von 900 Spendern als chinesisch.
Die US-Samenbank California Cryobank führt 70 von insgesamt 500 verfügbaren Spendern, die sich als chinesisch bezeichnen. Experten zufolge entscheiden sich Frauen jedoch unabhängig von der Verfügbarkeit chinesischer oder chinesisch-amerikanischer Spender weiterhin für Kinder gemischter ethnischer Herkunft.
„Im Wesentlichen sind die ausgewählten Samenspender überwiegend weiß“, sagte Xi Hao, klinischer Koordinator in Peking, der chinesischen Kunden Zugang zu einer Kinderwunschklinik in Kalifornien vermittelt.
Zhan Yingying, Mitgründerin der Organisation Diversity Family, sagte, sie treffe nur selten auf eine Mutter, die einen ethnisch chinesischen Samenspender gewählt habe. Merkmale wie doppelte Augenlider und helle Haut würden nach chinesischen Schönheitsidealen häufig besonders geschätzt.
„Bevor ich den Samenspender auswählte, hatte ich keine bestimmte ethnische Zugehörigkeit im Sinn“, betonte Carrie. Nach dem Durchsehen des Katalogs habe sie jedoch eine Vorliebe für ausländische körperliche Merkmale festgestellt; inzwischen hat sie zwei halb dänische Kinder.
Bei Baby Oscar sei die Persönlichkeit ausschlaggebend gewesen, sagte Xiaogunzhu, denn der Spender wurde als „voller Lebensfreude“ beschrieben.
Quellen:Agence France-Presse über SCMP
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